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DIE   EVANGELISCHE   MARTINIKIRCHE
 IN NETPHEN
Ausarbeitung im Rahmen des Studiums der Architektur; Stadt- und Regionalplanung an der Uni-GH-Siegen im Fach Stadtbaugeschichte
 VON 
  R A I N E R   S T Ö T Z E L

INHALTSVERZEICHNIS 

1.  EINLEITUNG  
2.  DIE GESCHICHTE DER KIRCHEN GEMEINDE NETPHEN 
3.  DIE MARTINIKIRCHE 
4.  ZEICHNUNG DER MARTINIKIRCHE    1748  
5.  DIE STÄDTEBAULICHE EINGLIEDERUNG DER KIRCHE 
6.  FOTOS 
7.  KARTEN 
8.  QUELLENVERZEICHNIS


1. EINLEITUNG

Die ältesten Pfarreien im Siegerland sind die Pfarreien Siegen und Netphen.
Das älteste Gotteshaus der Urpfarrei Netphen ist die Martinikirche, die urkundlich 1239 erstmals erwähnt wird.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Entstehung und Entwicklung der Kirche, sowie der städtebaulichen Eingliederung in ihr Umfeld.
Sie besteht  aus 6 Karten, sowie einem Textteil.

Netphen, Winter 1983


 

2. DIE GESCHICHTE DER KIRCHENGEMEINDE NETPHEN

Das Evangelium ist wohl spätestens um das Jahr 700 ins Siegerland und damit auch nach Netphen gekommen.
Die bisherige Meinung, nach welcher unsere Heimat erst unter Bonifatius den christlichen Glauben angenommen habe, ist wohl nicht zutreffend.  Vielmehr weist Dr. Böttger darauf hin, dass Martinikirchen auf die Zeit um 700 zurückgehen, noch ehe Bonifatius seine "Peterskirchen" erbaute.  Sie tragen ihren Namen nach dem Schutzpatron der Franken, Martin von Tours, und wurden, wie das auch in Netphen und Siegen geschehen ist, auf Felsvorsprüngen zwischen zwei Flussläufen errichtet.  Jedenfalls aber ist "das Patrocinium des fränkischen und Mainzer Stiftsheiligen" eines der Merkmale, die für das hohe Alter der beiden Heimatkirchen sprechen.  Von weiterer Bedeutung sind Mitteilungen aus dem Archidiakonatsregister zu Würdtwein.  Darin wurde schon um 1300 die beiden "Sedes" Netphen und Siegen erwähnt.  Der Begriff Sedes wird meist mit Urpfarrei übersetzt und galt gleichzeitig als Unterabteilung des Dekanates.  Später wurde er auf ein "übergeordnetes und bevorrechtigtes Kirchenspiel eines Bezirkes" übertragen.
Netphen ist die Stammpfarrei des östlichen Siegerlandes.  Urkundlich wird es 1239 zuerst genannt, als die Inkorporation ins Kloster Keppel vollzogen wurde.  Filialen dieser Pfarrei waren nachweislich Irmgarteichen und Hilchenbach.
( Siegener Urkundenbuch I Nr. 10 )
Irmgarteichen und Hilchenbach, die schon längere Zeit ihre eigenen Kapellen gehabt hatten, erlangen allmählich ihr Selbständigkeit als Pfarreien.  Hilchenbach wurde zuerst abgepfarrt, ersichtlich aus einer Urkunde von 1325 wo nur noch das Abhängigkeitsverhältnis Irmgarteichens von Netphen noch erwähnt wird. (Siegener Urkundenbuch I Nr.168)

Auch nach der Abtrennung blieb Netphen eine ausgedehnte Pfarrei mit über 20 kleineren Ortschaften.
Graf Wilhelm der Reiche, Herr der noch vereinigten nassauischen Grafschaften Siegen, Dillenburg, Hadamar begann 1530 die Reformation einzuführen.
Sein Sohn Graf Johann VI neigte 1578 zur reformierten Form des Protestantismus.  So wurde das ganze Netpherland protestantisch.
Nach dem Tode Johannes VI wurde das nassauische Land geteilt und Johann der VII der Mittlere wurde Herr der nun selbständigen Grafschaft Nassau-Siegen. 1613 trat sein älterer Sohn Johann VIII, der Jüngere zum katholischen Glauben über.  Jetzt sah der Vater sich zu einer Dreiteilung des Landes veranlasst.
Den ersten Stammteil erhielt der katholische Johann, zu dem u.a. auch Netphen gehörte.  Johann der Jüngere versuchte in den nächsten Jahren das Siegerland zur katholischen Religion zurückzuführen.  Dies führte zu einem Religionskampf des Landesherren gegen die Untertanen, der fast 120 Jahre dauerte.
Nach den Bestimmungen des Westfälischen Friedens (1648) sollte jede Konfession die Kirchen und Kirchengüter erhalten, die sie am Stichtag (1.1.1624) besessen hatten. Danach hätte die Netpher Kirche dem evangelischen Bekenntnis zugeteilt werden müssen, aber auf Veranlassung der katholischen Linie Nassau-Siegen traf man eine Vereinbarung, wonach die Kirche simultan von beiden Bekenntnissen benutzt werden sollte.
Das Simultaneum dauerte nahezu zweieinhalb Jahrhunderte, und obwohl es öfters Anlass zu Streitigkeiten gab, hat es sich im allgemeinen gut bewährt.
Ende des 19.  Jahrhunderts trug sich die katholische Gemeinde mit dem Gedanken, ein eigenes Gotteshaus zu bauen und kündigte das Simultaneum.
Am 2.5.1897 erwarb die evangelische Gemeinde das Alleinbesitzrecht an der alten Netpher Kirche.



3. DIE MARTINIKIRCHE

Stilmäßig fällt die Martinikirche in die Zeit der Spätromanik, doch weisen z.B. die leicht spitzbogigen Gurtbogen schon auf den neuen gotischen Stil hin.
Nach seiner Bauart gehört das Gotteshaus mit seinen 3 fast gleich hohen Schiffen zu den sogenannten Hallenkirchen (dreischiffig, dreijochig).  Jedoch könnte man sie auch als "pseudo Basilika" bezeichnen. Neben der Nikolai- und Martinikirche in Siegen ist die Martinikirche in Netphen das bedeutenste romanische Bauwerk im Siegerland. 

Die Form des Langhauses gleicht denen der Kirchen in Ferndorf und Krombach.  Offenbar sind diese nach dem Vorbild von Netphen erbaut worden.  Die Seitenschiffe sind nach Osten verlängert, gerade geschlossen, mit Halbkreisapsiden.
Die Sakristei liegt an der Ostseite des Chores,  ist einjochig mit einem 3/8 Schluss, in der gleichen Breite wie das Mittelschiff.  Eine ehemalige Verbindungstür zwischen Mittelschiff und Sakristei ist heute nicht mehr vorhanden.
Das Mittelschiff besteht aus kuppelartigen Kreuzgewölben zwischen spitzbogigen Gurten auf quadratischen Pfeilern mit je drei halbrunden Vorlagen.  An den Kapitellen befinden sich Eckknollen.  Die Seitenschiffe bestehen aus einhüftigen Stichkappengewölben.
Auffallend ist die Gestaltung der Ostpartie, wo das vierte Joch des Mittelschiffs zur Hälfte in den Chor einbezogen ist. Die halbrunde Hauptapsis zeigt im Inneren drei Kleeblattförmig angeordnete Nischen.
Hinter dem Chor schließt sich eine barocke Kapelle mit hohem Dachreiter an. Die Fenster sind rundbogig (Romanik), lediglich unter den Emporen sind sie flachbogig. Das Ostfenster der Sakristei ist rund.


Das Südportal gleicht dem Hauptportal

Das Nordportal ist schlichter gestaltet.
Es ist kleiner und die geschlossene Vertiefung fehlt

Die Portale sind rundbogig, in Kleeblattnischen, an der Südseite und am Hauptportal außerdem in gerade geschlossener Vertiefung.

Bis 1811 trug der Turm der Martinikirche 4 Ecktürmchen, die nach neuer Eindeckung des Turmes im selben Jahr verschwanden.
Eine Besonderheit ist der ansteigende Fußboden, so dass der Altar höher als die Eingangstür liegt.

Diese Kuriosität geht auf eine bauliche Veränderung kurz nach dem 30-jährigen Krieg zurück, als man den Kirchenfußboden etwa 1 Meter senkte, um die Raumhöhe zu vergrößern.

Die Martinikirche und ihr Kirchhof ist allseitig von einer Natursteinmauer umgeben, die im Nordwesten eine Höhe bis zu 5 Metern erreicht.
Dieser abgegrenzte Bereich wird im Westen durch eine halbrunde Freitreppe mit Torbogen aus dem Jahre 1706 erschlossen.


 

4. ZEICHNUNG DER MARTINIKIRCHE AUS DEM JAHRE 1748

"Grund-Profil und stand-Riß, Der Kirchen Zu Netphen, im Fürstenthum Naßau-Siegen, wie solche auff gnädige erhaltene Commißion den 2 ten Februarius Anno 1748 abgemessen und demnechst auffgetragen von Joh.  Henr.  Jung".
Die Zeichnung von Joh.  Henr. Jung hat im Original eine Größe von
87 x 57 cm.
Im Original lassen sich die damals in der Kirche noch vorhandenen Heiligenfiguren erkennen, die dann in den rechts und links auf der Zeichnung angebrachten "An-Merckungen" im einzelnen aufgeführt sind. 

 

Die Heiligenfiguren der Netpher Kirche, die in den "An-Merckungen" von Joh.  Henr.  Jung aufgeführt sind, sind durch das Simultaneum der reformierten Zerstörungswut entgangen und zum Teil sogar bis heute erhalten geblieben.

Drei befinden sich in der Katholischen Kirche zu Netphen, nämlich die in Jungs "An-Merckungen" unter B 7 erwähnte "Mater dolorosa", 105 cm hoch, 75 bis 80 cm breit, Holz, bemalt, Entstehungszeit um 1670 die unter C 7 erwähnte Figur des "Guten Hirten", 145 cm hoch, 40 bis 45 cm breit, Holz, bemalt, Entstehungsjahr um 1490 und die unter C 9 erwähnte Statue des "Johannes Nepomuk", 156 cm hoch, 70 cm breit, Holz, bemalt, Entstehungszeit vor 1731.

Ein Teil der übrigen Figuren kamen ins Museum nach Siegen, zu Beginn des 2. Weltkrieges wurden sie ausgelagert. Dort sind sie ein Opfer der Kriegsereignisse geworden


 

5. DIE STÄDTEBAULICHE EINGLIEDERUNG DER KIRCHE
Die Kirche erhebt sich auf dem äußersten Ausläufer des Bergzuges, der in den durch das Zusammenfließen von Obernau und Sieg gebildeten Winkel hineinragt.  Um die Kirche breitet sich der Friedhof aus; Kirche und Friedhof umschließt eine gemeinsame Mauer.
Durch die erhöhte Lage der Kirche wird das Gebäude für die Umgebung zum beherrschenden Mittelpunkt.  Sie liegt jedoch nicht so hoch, dass sie den Zusammenhang mit dem Dorf verliert, sondern sie ist mit dem Dorf und der Landschaft verwachsen.


 
6. FOTOS

Obernetphen
mit der
Martinikirche
im Jahr 1881

 

 

Obernetphen mit den
beiden Martinikirchen
um 1929

 

 
Martinikirche 
mit Fachwerkhäuser am Markt

 

Südostansicht aus dem Jahre 1897

 
Innenansicht aus dem Jahre 1897 
 
 

Blick in das Seitenschiff mit seinen Stichkappengewölben

Von der barocken Ausstattung aus dem Jahre 1696 ist nur noch die reichgeschnitzte Kanzel vorhanden

 

 

Die ev. Kirche in Ferndorf in einer Aufnahme von 1897

Eine Ähnlichkeit zu der Kirche in Netphen ist deutlich zu erkennen


 

7. KARTEN
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Grundriss, Schnitte 

 

Durch klicken auf die Zeichnung wird diese vergrößert dargestellt
 

 


 


8. QUELLENVERZEICHNIS  

1. Gedruckte Quellen  
    Philippi, F. (Hg.) Siegener Urkundenbuch
        1. Abt. (bis 1350) 
 
        Siegen 1887  

2. Literaturverzeichnis  
    Böttger, H.  / Weyer, W.  / Lück, A.  
        Geschichte des Netpherlandes ;
        Netphen  1967 
 
    Ludorff, A.  
        Die Bau- und Kunstdenkmäler des
        Kreises Siegen 
 
        Münster i.W. 1903  
    Kühn, A.  
        Aus der Geschichte der    evangelisch-
        reformierten  Kirchengemeinde
        Netphen;
        Dreis-Tiefenbach 1953 
 
   Höynck, F.A..  
        Geschichte des Dekanats Siegen,  
        Bistum Paderborn ; Paderborn 1904  
   Thiemann, W.  
        Zur Geschichte der Siegener
        Martinikirche ; Siegen 1976 
 
   Kluge, D. / Hansmann, W.  
        Westfalen ; Deutscher Kunstverlag  
   Klocke, von, F. / Bauermann, J.  
         Nordrhein-Westfalen  
         Handbuch der Historischen Stätten
         Deutschlands, dritter
  Band ;
         Stuttgart

  Schäfer, W.  
      Aus der Chronik des Amtes Netphen, in
       "Heimatland" 1932,
 Seite 37 ;
        Siegen 1932 
 
     Das Amt Netphen in Pest- und Kriegs-
       zeiten,  in "Heimatland" 1932,  Seite 59 
 
     Leibeigenschaft, Fronten und Gefälle,
        in "Heimatland" 1932,
  Seite 91  
     Die alte Kirche in Netphen,
        in "Heimatland" 1932, Seite 155 
 
     Ältestes Kirchenspiel mit 35 Dörfern, 
         in "Heimatland" 1956,
  Seite 113  
 Vitt,  H.R.  
       Das entscheidende Jahr 1651;
       in "Heimatland" 1951, Seite 89 
 
 Heider,  P.  
       Die evangelische Kirche in Netphen;
       in "Siegerland, Blätter des
 
       Heimatvereines" ;  1. Band 1911/12  
 Lück, A.  
   Die Kirche zu Netphen im Jahre 1748;
        in "Siegerland, Blätter des
 Siegerländer;
        Heimatvereines E.V." Band 54 /
        Heft 5-6  1977 
 

Bildnachweis 
      Besser,  Ernst                          Deckblatt  
      Hüttenhain,  Wilhelm                     11  
      Zimmaß                                           22  
      Ludorff, A.                           13, 14, 24, 25  
      Rechenschaftsbericht 1966            15  
                    Pfarrei St. Martini  
      Verfasser                                    15 bis 23

Copyright  ©   1997     Rainer Stoetzel,   Castrop-Rauxel